Kurz gesagt
Keuschheit ist nach dem Katechismus „die geglückte Integration der Geschlechtlichkeit in die Person“ (KKK 2337), keine Verachtung des Körpers. Sie gilt für jeden Getauften, für Verheiratete als eheliche Keuschheit (KKK 2349). Der Katechismus nennt sie eine Tugend und zugleich eine Gabe Gottes, eine Gnade (KKK 2345). Darum darf man um sie bitten, und viele Männer tun das traditionell beim heiligen Josef.
Stand: · Michael Porwol
Was Keuschheit ist und was nicht
Das Wort klingt für viele nach Verbot, Verklemmtheit und schlechtem Gewissen. Der Katechismus beschreibt etwas anderes. Keuschheit bedeutet „die geglückte Integration der Geschlechtlichkeit in die Person und folglich die innere Einheit des Menschen in seinem leiblichen und geistigen Sein“ (KKK 2337). Es geht also nicht darum, den Körper zu verachten oder Sexualität wegzudrücken. Es geht darum, dass sie zu dir gehört und nicht neben dir her ein eigenes Leben führt.
Der Katechismus spricht von der Unversehrtheit der Person. Der keusche Mensch „bewahrt die in ihm angelegten Lebens- und Liebeskräfte unversehrt“, und diese Unversehrtheit „duldet kein Doppelleben und keine Doppelzüngigkeit“ (KKK 2338). Wer mit Pornografie ringt, kennt das Doppelleben genau: tagsüber der zuverlässige Mann, nachts das Handy. Keuschheit heißt, dass diese beiden wieder einer werden.
Freiheit statt Zwang
Keuschheit verlangt Selbstbeherrschung. Der Katechismus nennt sie ausdrücklich „eine Erziehung zur menschlichen Freiheit“ und sagt nüchtern: „Entweder ist der Mensch Herr über seine Triebe und erlangt so den Frieden, oder er wird ihr Knecht und somit unglücklich“ (KKK 2339). Wer jedem Impuls folgt, ist nicht frei, sondern abhängig.
Als Mittel nennt er Selbsterkenntnis, einen den Situationen angepassten Verzicht, Gehorsam gegenüber den Geboten Gottes, Übung der sittlichen Tugenden und Treue im Gebet (KKK 2340). Und er macht sich keine Illusionen: Selbstbeherrschung zu erringen ist „eine langwierige Aufgabe“ (KKK 2342), und die Keuschheit wächst in Stufen, in denen sie noch unvollkommen und für die Sünde anfällig ist (KKK 2343). Wer fällt, ist also nicht aus dem Rennen. Mehr dazu unter Immer dieselbe Sünde beichten.
Keuschheit gilt auch in der Ehe
Ein häufiges Missverständnis: Keuschheit sei etwas für Priester, Ordensleute und Singles. Der Katechismus sagt: „Jeder Getaufte ist zur Keuschheit berufen“, und zwar „ihrem jeweiligen Lebensstand entsprechend“ (KKK 2348). „Verheiratete sind berufen, in ehelicher Keuschheit zu leben; die anderen leben keusch, wenn sie enthaltsam sind“ (KKK 2349). Verlobte sind aufgefordert, die Keuschheit in Enthaltsamkeit zu leben (KKK 2350).
Für einen verheirateten Mann heißt das nicht Verzicht auf Nähe zu seiner Frau. Es heißt Treue und Hingabe, die sich nicht auf Bilder und Fantasien verlagern. Über Pornografie sagt der Katechismus, sie entstelle den ehelichen Akt, „die intime Hingabe eines Gatten an den anderen“ (KKK 2354). Sie ist deshalb auch in der Ehe keine Privatsache.
Gabe, nicht nur Leistung
Keuschheit ist nicht nur Willenskraft. Der Katechismus nennt sie eine sittliche Tugend, aber auch „eine Gabe Gottes, eine Gnade“ (KKK 2345). Das entlastet. Du musst sie nicht allein erzwingen, du darfst um sie bitten und sie üben. Er beschreibt sie außerdem als „Schule der Selbsthingabe“ (KKK 2346) und sagt, sie „entfaltet sich in der Freundschaft“ (KKK 2347). Ein Freund, dem du ehrlich sagen kannst, wie es dir geht, gehört also mitten hinein. Die praktische Seite steht unter Accountability-Partner.
Gebete um Reinheit
Ein Gebet ist keine Zauberformel. Der Katechismus nennt es Aberglauben, die Wirkung von Gebeten dem bloßen äußeren Vollzug zuzuschreiben (KKK 2111). Gebet ist Beziehung. Aber feste, überlieferte Gebete können gerade dann helfen, wenn dir die eigenen Worte fehlen.
Das Gebet zum heiligen Josef um Reinheit
Das bekannteste überlieferte Gebet um Keuschheit richtet sich an den heiligen Josef. Es steht in der Raccolta, der amtlichen Sammlung der mit Ablässen versehenen Gebete (englische Ausgabe 1910, Nr. 304; Ausgabe 1943, Nr. 435). Der lateinische Text lautet dort:
Virginum custos et pater, sancte Ioseph, cuius fideli custodiae ipsa Innocentia, Christus Iesus, et Virgo virginum Maria commissa fuit, te per hoc utrumque carissimum pignus, Iesum et Mariam, obsecro et obtestor, ut me ab omni immunditia praeservatum, mente incontaminata, puro corde et casto corpore Iesu et Mariae semper facias castissime famulari. Amen.
Eine deutsche Fassung aus einem kirchlichen Gebetbuch liegt uns nicht vor, deshalb geben wir hier nur den Inhalt wieder und keine eigene Übersetzung als Gebetstext. Das Gebet ruft Josef als Hüter und Vater der Jungfrauen an, dem Jesus, die Unschuld selbst, und Maria, die Jungfrau der Jungfrauen, anvertraut waren. Um dieser beiden willen bittet es ihn, den Betenden vor aller Unreinheit zu bewahren, damit er Jesus und Maria mit unbeflecktem Sinn, reinem Herzen und keuschem Leib dient.
Die Josefslitanei
Eine kirchliche deutsche Fassung gibt es für die Litanei zu Ehren des heiligen Josef. Die Österreichische Bischofskonferenz hat sie im Juni 2021 einschließlich der 2021 von Papst Franziskus ergänzten Anrufungen zum Gebrauch empfohlen, das Österreichische Liturgische Institut stellt sie zum Herunterladen bereit. Dort rufst du ihn unter anderem an als „Du keuscher Josef“, „Du Beschützer der heiligen Jungfrau“ und „Du Beschützer der Jungfrauen“. Die Litanei dauert wenige Minuten. Du kannst sie an einem Abend beten, an dem du merkst, dass es schwer wird.
Der Josefsgürtel
Es gibt auch einen alten Brauch, einen Gürtel oder eine Kordel zu Ehren des heiligen Josef zu tragen. Nach der Catholic Encyclopedia von 1908 geht er auf die Heilung einer Augustinerin in Antwerpen im Jahr 1657 zurück. Daraus entstand die fromme Übung, den Gürtel zu tragen, um durch Josefs Fürsprache die Gnade der Reinheit zu erlangen. Papst Pius IX. billigte 1859 eine eigene Segensformel, die Bruderschaft wurde 1862 zur Erzbruderschaft erhoben. Die Mitglieder trugen eine Kordel mit sieben Knoten und beteten täglich sieben Ehre sei dem Vater zu Ehren des heiligen Josef. Ob und wo du heute einen gesegneten Josefsgürtel bekommst, fragst du am besten in deiner Pfarrei. Er ist ein Zeichen und ein Gebet, kein Gegenstand, der von selbst wirkt.
Kurze Gebete für die schwere Minute
- Ein Psalmvers: „Gott, komm mir zu Hilfe, HERR, eile mir zu helfen“ (Ps 70,2 EÜ). Mit diesem Vers beginnt auch das Stundengebet.
- Das Jesusgebet: „Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, hab Erbarmen mit mir Sünder!“ Der Katechismus führt es auf die Bitte der Blinden im Evangelium zurück (KKK 2616). Du kannst es im Rhythmus deines Atems sprechen.
- Ein Ave Maria. Manche beten morgens und abends drei Ave Maria um Reinheit. Das ist ein verbreiteter frommer Brauch, kein Gebot und ohne Zusage einer Wirkung.
Sprich das Gebet, während du aufstehst und den Raum wechselst. Gebet und Handeln gehören zusammen. In Consurgam gibt es auf dem Weg mit Glauben kurze Gebete in der Notfall-Minute, wenn du sie willst.
Keuschheit im Alltag
Was folgt, sind praktische Vorschläge aus der Erfahrung, keine Lehre. Keuschheit entscheidet sich selten in der einen dramatischen Minute, sondern in den kleinen Weichen davor:
- Die Augen: Den zweiten Blick nicht geben. Nicht scrollen, wenn du merkst, wohin es führt.
- Das Handy: Nachts nicht im Schlafzimmer. Sperren, die dich bremsen, ohne dich zu überwachen: Pornos sperren am iPhone.
- Der Körper: Genug Schlaf, Bewegung, nicht hungrig und erschöpft allein vor dem Bildschirm sitzen.
- Die Menschen: Ein Freund, ein fester Beichtvater, eine Gemeinschaft. Einsamkeit kann vieles schwerer machen.
- Das Gebet: Eine kleine feste Zeit am Morgen, und sei es nur zwei Minuten.
Keuschheit ist kein Zustand, den du einmal erreichst und dann besitzt. Sie ist ein Weg, auf dem man um Hilfe bitten darf, bei Gott, bei Josef und bei Menschen.
Fragen
Welches Gebet hilft für Keuschheit?
Es gibt kein Gebet, das wie eine Formel wirkt; der Katechismus warnt davor, die Wirkung von Gebeten dem bloßen äußeren Vollzug zuzuschreiben (KKK 2111). Vielen helfen kurze Gebete, die sie in einer schweren Minute wirklich sprechen können: ein Psalmvers, das Jesusgebet, ein Ave Maria, die Josefslitanei oder das alte Gebet zum heiligen Josef um Reinheit.
Warum ist der heilige Josef Fürsprecher für die Keuschheit?
Ihm waren Jesus und Maria anvertraut, und so begründet es auch das überlieferte Gebet zu ihm um Reinheit. Die Josefslitanei ruft ihn als „keuscher Josef“ und „Beschützer der Jungfrauen“ an. Viele Männer sehen in ihm ein Vorbild dafür, wie Treue, Arbeit und Schutz der anderen zusammengehören.
Gilt Keuschheit auch in der Ehe?
Ja. Der Katechismus sagt, dass jeder Getaufte zur Keuschheit berufen ist, je nach Lebensstand (KKK 2348). Verheiratete sind berufen, in ehelicher Keuschheit zu leben (KKK 2349). Das heißt nicht Verzicht auf Nähe, sondern Treue und Hingabe, die sich nicht auf Bilder oder Fantasien verlagern.
Ist Keuschheit dasselbe wie Enthaltsamkeit?
Nicht ganz. Für Unverheiratete bedeutet Keuschheit Enthaltsamkeit, für Verheiratete eheliche Keuschheit (KKK 2349). Gemeint ist in beiden Fällen dasselbe: dass Sexualität in die ganze Person eingebunden ist und kein Doppelleben führt (KKK 2337–2338).
Was ist der Josefsgürtel?
Ein Gürtel oder eine Kordel, die zu Ehren des heiligen Josef getragen wird, um durch seine Fürsprache die Gnade der Reinheit zu erbitten. Nach der Catholic Encyclopedia von 1908 geht der Brauch auf das Jahr 1657 in Antwerpen zurück, und Papst Pius IX. billigte 1859 eine eigene Segensformel. Er ist ein Zeichen und ein Gebet, kein Schutzmittel, das von selbst wirkt.
Quellen
- Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 2337–2350 (Berufung zur Keuschheit), vatican.va – https://www.vatican.va/archive/DEU0035/__P8B.HTM
- Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 2111, 2354, 2616 (über den Index), vatican.va – https://www.vatican.va/archive/DEU0035/_INDEX.HTM
- The Raccolta, Prayers and Devotions enriched with Indulgences, Benziger Brothers 1943, Nr. 435 (lateinischer Text des Gebets Virginum custos), archive.org – https://archive.org/details/raccoltaofficial0000spen_1
- The Raccolta, or Collection of Indulgenced Prayers, Burns & Oates 1910, Nr. 304, archive.org – https://archive.org/details/theraccoltaorcol00unknuoft
- Litanei zu Ehren des heiligen Josef, Österreichische Bischofskonferenz, Juni 2021, Österreichisches Liturgisches Institut – https://liturgie.at/pages/liturgieneu/news/aktuell/article/135046.html
- Heckmann, F.: Confraternities of the Cord (Cord of St. Joseph). Catholic Encyclopedia, Bd. 4, 1908, New Advent – https://www.newadvent.org/cathen/04357a.htm
- Die Bibel, Einheitsübersetzung 2016, Ps 70,2, bibleserver.com – https://www.bibleserver.com/EU/Psalm70